Haithabu Klappenrock

Ich stelle euch hier meine Version eines vereinfachten Schnitts für einen langen Klappenrock vor. Er ist an die Funde in Haithabu angelehnt und soll für mich einerseits eine warme Jacke für kalte Tage sein, andererseits aber auch als Polsterung für ein Kettenhemd dienen und im Kampf getragen werden. Ich beziehe mich dabei sowohl auf Fundberichte zu der Wikingersiedlung Haithabu, als auch auf diverse Webseiten.

Fragment 11

Fragment 11

Fundbeschreibung

Nach Quelle 1:

Fragment 11

35cm hoch, 37cm breit, aus feinem naturbraunem Gleichgratköper 2/2. Vermutlich ein Stück von der Vorderseite eines Klappenrockes. Die untere Kante einschließlich der abgerundeten Ecke rechts ist gesäumt, sodass es sich vermutlich um das untere Ende der vorderen Klappe handelt. Die abgerundete Kante bildet vermutlich ein Teil eines Seitenschlitzes. Das Fragment besteht insgesamt aus vier verschiedenen Stücken. Das große Mittelstück (Teil a) wird von zwei breiten Seitenstreifen (b und d) umschlossen.

Auf der Innenseite ist das Fragment gefüttert, offenbar wurden hier Reste von alten Gewändern wiederverwendet, denn die drei Futterstücke weisen unterschiedliche Bindungen und Farben auf.
Außerdem wurden verschiedene Stichlöcher auf dem Fragment gefunden, die darauf schließen lassen, dass auf der unteren Kante ein wenigstens 10cm breiter Besatz aufgenäht gewesen ist.

Fragment 76

Fragment 76

Fragment 76

70cm hoch, 33cm breit, aus mittelfeinem Spitzköper. Stark ausgerissen, vermutlich durch Sekundärverwendung als Teerlappen o.Ä. Linke Kante vermutlich frühere Seitenkante des Gewebes, die ursprünglich umgelegt und zugenäht war. Nach oben und unten ist das Fragment abgerissen. Im Mittelteil wurden Bronzepartikel (hier orange) gefunden, die vermutlich auf eine Gürtelschnalle oder Gürtelbeschläge hindeuten. Form und Größe erinnern stark an Fragment 11, es fehlt jedoch die solide Konstruktion. Möglicherweise handelt es sich hier auch um die innere Stoffschicht eines Klappenrocks, die Bronzespuren würden dann nur auf einen Gürtel unterhalb des Klappenrocks hinweisen.

Weitere

Es werden noch eine Reihe weiterer kleinerer Fragmente beschrieben, die Hinweise darauf geben, dass der Besatz des Klappenrocks aus einer Art Pelzimitat bestanden haben könnte. Im Fundbericht wird konkret von „pelzähnlicher Randbesatz aus stark gerauhtem Köperstoff“ (Seite 78) gesprochen.
Es gibt auch noch weitere Hinweise auf eine keilförmige Seitenklappe, die den Seitenschlitz verdeckt haben mag.

Nach Quelle 2:

Fragment S28

Fragment S28

Fragment S28

69cm hoch, 41cm breit, fast komplettes Vorderteil aus feinem Gleichgratköper 2/2. Aus einer Stoffbahn geschnitten, deren seitliche Webkante ganz links auch noch vorhanden ist. Die rechte Kante (vermutlich eine der Öffnungskanten) ist stark beschädigt und weist eine Reihe von (wenigstens fünf) Löchern (hier grün) auf, die beim Abreißen von Knöpfen entstanden sein könnten. Es konnten Reste von Daunen gefunden werden, die wohl als Fütterung gedient haben. Die halbrunde Öffnung oben links wird vermutlich Teil des Ärmelloches gewesen sein, darunter wird der Stoff durch einen vertikalen Schnitt in zwei Teile (a und b) unterteilt. Es sind kaum Nähte und Säume enthalten, das Kleidungsstück ist also vermutlich bei der Ausmusterung an den Nähten zerrissen worden. Besatzteile und Knöpfe gehörten zu den wertvolleren Teilen der Tracht und konnten wiederverwendet werden, wohingegen der zerschlissene Stoff selbst nur noch als Putz- oder Teerlappen gedient haben mag. Geht man davon aus, hat das Kleidungsstück wohl eigentlich andere Proportionen besessen und war, je nach Breite der Besatzteile und Verbindungsnähte, größer. Auch dieses Fragment weist die abgerundete Ecke unten auf.

Im Fundbericht werden auch erste Vermutungen zum Schnittmuster angestellt: Wahrscheinlich hat Teil b einmal die Seite des Körpers bedeckt und nicht die Vorderseite wie Teil a. Dafür spricht auch die erhaltene Breite des Fragmentes (oben insgesamt 40cm).

Hypothese

In den Fundberichten wird die Hypothese aufgestellt, dass die gefundenen Fragmente zu einer Art gefütterter Jacke gehört haben, deren Seiten schräg übereinandergelegt getragen wurden.
Da die großen Fragmentstücke auch etwa die gleichen Maße besessen haben, wird von einer Jacke für Männer ausgegangen, die vorne bis etwa 40cm unterhalb der Taille gereicht hat. Und deren Öffnungskante etwa eine Länge von 70cm (zusätzlich Saum- und Besatzbreite) hatte. Die Weite der Jacke variiert dagegen leicht.
Gefüttert war die Jacke mit Stoffresten oder Daunen.
Geschlossen wurde die Jacke entweder mit Knöpfen, oder mit einem Gürtel. Wenn die Knöpfe wirklich zur Wiederverwertung abgerissen worden sind, werden sie wohl auch eher aus einem wertvolleren Material bestanden haben, wie Metall, Knochen oder vielleicht Holz, und nicht aus Stoff. (Ich konnte in den Holz- und Metallfunden zu Haithabu bisher allerdings keine Knopffunde finden.)
Die Kanten waren mit einem breiten Besatz (ca. 10cm) versehen.
Die verschiedenen Färbungen der Stoffteile sprechen dafür, dass das Kleidungsstück wohl eher der höheren Schicht zuzuordnen ist.

Ich selbst vermute, dass ähnliche Kleidungsstücke auch im Kampf getragen worden sind, da es zahlreiche Abbildungen von Kriegern auf z.B. dem Sutton Hoo Helm (England, 7. Jh.) oder dem Valsgärde Helm (Schweden, 6. – 8. Jh.) gibt, die einen sehr ähnlich aussehenden „Bademantel“ tragen. Inga Hägg selbst stellt (in Quelle 1, Seite 188) eine ähnliche Hypothese auf und vergleicht den in Haithabu gefundenen Klappenrock ebenfalls mit den eigentlich vorwikingerzeitlichen Abbildungen auf z.B. dem Vendehelm. Sie bezeichnet es als “Prunkgewand des Kriegers” und als “Herrschafts- und Rangsymbol von Häuptlingen und hervorragenden Personen, ähnlich wie Waffen, Tiermasken und Pferde”. Die Ursprünge des Klappenrocks (und auch des sehr ähnlichen Kaftans aus Birka, Ostschweden) sieht Inga Hägg im Orient. Es ist wahrscheinlich dass im Zuge der gotischen Völkerwanderung und des damit einhergehenden Kulturstroms auch Kleidungsstile von Byzanz nach Westen gelangt sind. Hägg spricht von einer “Orientalisierung der Tracht nach dem Vorbild der byzantinisch-russischen Hof- und Beamtentracht, die ihrerseits entscheidend durch die persische Herrschertracht beeinflusst war.”.
Da es für mich derzeit der einzige Anhaltspunkt für eine gepolsterte Kriegergewandung der Wikinger ist und ich endlich von meinem Standard-Gambeson weg möchte, der weder zeitlich noch qualitativ irgendwie passt, werde ich es mal mit einem dicken Klappenrock probieren.

 

Schnittmuster

Gleich zu Beginn empfehle ich für diejenigen, die sich einen möglichst authentischen Klappenrock nach Haithabu-Fund nähen möchten, den Link Nummer 1. Hier wird (auf Englisch allerdings) genau das Schnittmuster vorgestellt, wovon in den Fundberichten die Rede ist. Eine gepolsterte, nicht zu lange Jacke mit Seitenschlitzen, bei der Front und Seite aus einem Stück geschnitten sind (vergl. Fragment S28).

189

Ich selbst möchte (entsprechend den Helm-Abbildungen) einen längeren Mantel, der mir bis knapp zu den Knie reicht, und der einfacher zuzuschneiden ist. 😀
Nach langem Hin und Her und viel metaphorischem Bleistifte Zerbeißen ist am Ende folgendes Schnittmuster bei mir entstanden. (Maße sind für einen 1,83m großen, sportlichen Mann).
Ich habe mich dabei am Fragment S28 orientiert, jedoch die Seitenteile einfach weggelassen (bzw. zum Rückenstück addiert), so dass jetzt zwei einfache Klappen mit einem Rückenteil vernäht werden. Außerdem habe ich den Rock ab der Taille deutlich länger gemacht und werde ihn dort, wieder entsprechend dem Fund, an den Seiten auch offen lassen.

Anmerkung zum Schnittmuster

Rückenteil und Vorderklappe habe ich übereinander gelegt, da die Randmaße identisch sein sollen. Natürlich benötigen wir 1x Rücken, 2x Klappen und 2x Ärmel. Oben rechts ist noch ein Beispiel, wie die Muster aus einem 2m * 1,5m großen Stück Stoff ausgeschnitten werden könnten. Hier würden gleich abgesäumte Kanten an Ärmelenden und am unteren Rand des Mantels entstehen, so dass ihr euch Arbeit spart.

Ärmel

Beim Zuschneiden des Schnittmusters ist mir noch ein Fehler aufgefallen. Ich hatte den Ärmel oben und unten einfach gerade abgeschnitten, was hier jedoch dazu führt, dass der Ärmel schräg nach oben vom Rest absteht. Da man den Arm aber eher nach unten gesenkt trägt (Hand in Hüfthöhe) entstehen so unter der Achsel dicke Falten, die bei einer dünnen Leinentunika nicht so dramatisch sind, hier bei dickem Wollstoff aber sehr störend sein können. Sehen wir uns noch einmal die Funde an, fehlt uns hier zum Klappenrock der Ärmel, allerdings wurde im Hafen von Haithabu ein Ärmelfragment gefunden. Unter Link Nummer 5 (Wikingerkleidung.de) kann man unter /Haithabu/Tunika eine schöne Ärmelrekonstruktion mit Fundbeschreibung finden. Allerdings ist dieser Ärmel sehr aufwendig. Wer sich den Spaß machen möchte, bitteschön 🙂 Da ich (bzw. Möhrchen) hier aber drei dicke Lagen Stoff plus Besatz mit Hand zusammennähen muss, freut sie sich über jede Naht weniger. Mein (zugegebenermaßen etwas schluriger) Kompromiss: Der Ärmel wird oben rund geschnitten und nicht gerade. Wird er jetzt an Rücken- und Seitenteil genäht, steht er höchstens noch waagerecht, vielleicht sogar etwas nach unten gesenkt ab, je nach Stärke der Rundung.

Seitenschlitz

Fragment S28 wird durch einen vertikalen Schnitt in zwei Teile (Vorderteil a und Seitenteil b) getrennt. Inga Hägg schreibt selbst (in Quelle 2) dass sich das Schnittmuster hier nicht vollständig rekonstruieren lässt. Es gab hier vermutlich eine Naht, die oben a und b direkt verbunden und unten möglicherweise einen Keil enthalten hat. Möglicherweise jedoch auch nur eine Seitenklappe, wie sie in Link Nummer 1 vorgestellt wird. Ich lass bei mir die Seitenschlitze zunächst einfach offen. Das erhöht die Bewegungsfreiheit und so kann ich irgendwann nachträglich noch einmal Keile oder eine Klappe einfügen, wenn mir danach ist.
Durch Zufall ist mir kürzlich noch die Ähnlichkeit des Klappenrockschnittmusters zu dem Schnittmuster von einem Anzug-Sakko aufgefallen. Auch hier gibt es zwei sich überlappende Vorderteile, die an der Seite ganz ähnliche Schlitze aufweisen und die auch teilweise die Seitenteile direkt an den Vorderklappen sitzen haben. Meines Wissens nach, werden hier die Seitenschlitze für eine stärkere Körperbetonung benutzt, da hier einfach etwas Stoff entnommen wird. Siehe: http://www.die-gewand-sammlung.de/schnitttechnik/grundlagen/grundschnitte Da die Haithabu-Mode sehr körperbetont gewesen ist, schien mir das irgendwie zu passen. Ich bin allerdings weder Archäologe nodh Schneider und inwiefern das jetzt mit dem Klappenrock direkt zu vergleichen ist, kann ich nicht beurteilen. Ich wollte euch lediglich diese Ähnlichkeit zeigen, die vielleicht jemand anderen noch auf eine Idee bringt.

Durchführung

Ich werde meinen Klappenrock 3-lagig machen. Das bedeutet zwei Lagen dicken Wollstoff als Fütterung, bzw. Polsterung und eine Lage oben drauf im gewünschten Farbton. Für die zwei Lagen Polsterung nehme ich alte Bundeswehrdecken. Die sind zwar nicht super authentisch, aber sehr kostengünstig zu bekommen, bestehen aus 100% Schurwolle und sind von sehr fester und schwerer Qualität. Nachteil: Sie stinken ARG nach irgendeinem fiesen Mottenschutzmittel. Selbst nach zweimaligem Waschen bei 60°C (ja, die halten das aus), ist da immer noch was von zu merken.
Für die obere Lage nehme ich naturbraunen Lodenstoff, natürlich aus Schurwolle. Den bekommt man z.B. bei Naturtuche (Link 9).

Zugeschnittene erste Schicht

Zugeschnittene erste Schicht

Da mein Mantel mit Sicherheit knapp 1cm dick sein wird, werde ich die erste Lage nach Schnittmuster ausschneiden und für die zweite Lage dann die erste als Schnittmuster verwenden und noch 1cm draufpacken.
Das Nähen überlasse ich außerdem komplett Möhrchen 😀
Ich habe nämlich aufgrund der Erfahrung früherer Nähprojekte gemerkt, dass meine Nähte so grausam aussehen, dass es schon wieder unauthentisch wird.

Das Nähen hat eine ganze Weile gedauert und es sind einige Abende dafür draufgegangen. Mit zwischendurch immer wieder anprobieren, nachändern, wieder aufmachen, anpassen, etc. Aber das Ergebnis ist wirklich klasse geworden und passt mir auch hervorragend! Auf die Schultern hat Möhrchen noch jeweils ein kleines (ca. 30*30cm) Extrastück Wollstoff gelegt, da im Kampf die härtesten Treffer immer von Oben oder direkt von Vorne kommen. Vorne bin ich durch das Überlappen der Klappen ohnehin doppelt geschützt, und gegen Speerstiche hat sich das auch schon bewährt.
Außen könnt ihr den schönen braunen Wollstoff bewundern, die Innenseite ist mit dem Bundeswehrgrün nicht ganz so hübsch, dafür aber stabile dicke und vor allem preiswerte Schurwolle. Den Ärmelbesatz habe ich frei nach dem Haithabu-Ärmel gewählt, mit einem langen Stück, das bis über die Ellbogen geht. Der Stoff ist mit Indigo pflanzengefärbt. Auch alle Nähte hat Möhrchen mit pflanzengefärbtem Wollgarn von den Petersens (Link 10) genäht. Braun für den Stoff und ebenfalls Blau für den Besatz.

Ergebnis

Der (fast) fertige Klappenrock wiegt ca. 5kg und trägt sich ziemlich gut. Das einzige was jetzt noch fehlt, sind die Besätze an den Klappenkanten.

Praktischer Test

Der Klappenrock hat sich im Kampf bewährt (Heerbann 2014). Auch wenn er relativ schwer ist und er erst ein wenig eingetragen werden muss, ist er erstaunlich beweglich, wenn auch die Bewegungsfreiheit natürlich eingeschränkt ist. Und auch nicht so warm, wie ich zuerst befürchtet hatte. Ich hab den Klappenrock einfach mit einem Gürtel zusammengebunden, dadurch ist er oben am Hals noch offen, so dass man da noch gut auslüften kann^^. Schultern und Bauch sind durch die dicken Lagen Stoff gut geschützt, wobei eine zusätzliche harte Schicht (Metall, gehärtetes Leder) den Schutz sicherlich noch optimieren würden, da der Stoff ja in erster Linie als Polster und Schnittschutz dienst. Eine zustäzliche harte Schicht würde den Trefferdruck noch auf eine größere Fläche verteilen.
Auch als einfache Jacke ist der Klappenrock klasse und wärmt abends sehr gut.

Quellen

[1] „Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Bericht 20 – Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu“ von Inga Hägg, 1984, Seiten 73 – 89, 188 – 192.

[2] „Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Bericht 29 – Textilfunde aus der Siedlung und den Gräbern von Haithabu“ von Inga Hägg, Seiten 48 – 55.

Weiterführende Links

Anmerkung zu den Links: Ich habe einfach mal alle für mich interessanten Seiten zu dem Thema aufgelistet. Viele davon bieten selbst Schnittmuster an, die man natürlich auch ausprobieren kann.

[1] The Hedebys Klappenrock – by Peter Beatson
[2] Skjoldmus – Anleitung und Schnittmuster
[3] Schiffsmond – Schnittmuster und Vergleiche
[4] Vindir Sifjar – Schnittmuster
[5] Wikingerkleidung – Fundbeschreibung, Anleitung, Schnittmuster
[6] Hakkon Aetterni – Bild aus dem Museum zu Haithabu
[7] Flos Blog – Eigene Rekonstruktion mit Stoffknöpfen
[8] Danish Viking Clothing – Beschreibung
[9] Naturtuche – Schöner Lodenstoff
[10] http://www.die-petersens.com/unser-laden/

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