Hallo, Hund!

img-20160410-wa0000.jpgDas Bild, das ich von Hunden hatte, hat sich sehr gewandelt, seit mein eigener bei mir lebt. Dachte ich früher an einen Hund, sah ich den entspannten, ruhigen Begleiter bei allen Abenteuern vor mir, der Menschen fröhlich und freundlich begegnet, zuverlässig mit mir durch die Stadt spaziert und mir alle Entscheidungen zufrieden überlässt.

Und dann habe ich festgestellt, dass Hunde keine Roboter sind 😉 Mali ist ganz anders, als ich mir einen Hund erträumt habe. Deshalb nicht weniger liebenswert, aber das Leben mit ihr umso lehrreicher. Fremden Hunden auf der Straße begegne ich nun ganz anders, und sehe mit Erstaunen die Missverständnisse in der Kontaktaufnahme von Menschen (auch von Hundebesitzern!) zu Hunden. Viele Hunde tolerieren das, weil sie seit dem Welpenalter gelernt haben, Menschen und ihr seltsames Benehmen einzuschätzen – andere, wie Mali, zeigen deutlicher, was sie davon halten. Viele unten beschriebene Situationen machen Hunden wie ihr Angst. So oder so – ob schlecht sozialisierter Straßenhund oder duldsamer Welpe vom Züchter – jeder Hund findet (genau wie Menschen auch) das Einhalten einer gewissen Individualdistanz und von bestimmten Verhaltensregeln bei der Kommunikation angenehm. Natürlich sollten auch vorsichtige Hunde lernen, dass bestimmtes menschliches Verhalten keine Bedrohung darstellt, was aber noch lange nicht heißt, dass man von ihnen verlangen sollte, jede Respekt- und Distanzlosigkeit von fremden Menschen oder Hunden zu ertragen.

Stell dir vor, du sitzt auf deinem Lieblingssessel, willst ein Nickerchen machen oder ein Buch lesen, und alle paar Minuten kommt ein Familienmitglied vorbei, sagt dir Hallo oder tätschelt dir den Kopf. Auch wenn du sonst gerne kuschelst – nervig, oder?

Stell dir vor, an diesem Lieblingsplatz läuft ständig jemand so nah vorbei, dass er dich fast streift. – Unangenehm, oder?

Der Ruheplatz des Hundes (Decke, Korb oder Kiste) sollte für Besucher, für Kinder und auch die Besitzer Tabu sein. Er sollte absolute Sicherheit bieten. Niemand sollte zu nah daran vorbei laufen, den Hund andauernd ansprechen oder gar anfassen, wenn er sich dort aufhält. Bis auf kleine Ausrutscher ist es uns gelungen, ganz besonders die Kiste für Mali zu so einem sicheren Ort zu machen, so dass sie nun im Büro, wenn jemand rein kommt der ihr unheimlich ist, unaufgefordert in die Kiste rennt, anstatt zu knurren oder zu bellen. Hineinfassen kann ich trotzdem ohne Probleme, ich akzeptiere es aber, wenn Mali  körpersprachlich oder durch ein knurren klar macht, dass sie nun dort ihre Ruhe haben möchte.

Schön für den Menschen, für den Hund weniger: Umarmungen wirken auf ihn eher bedrohlich. Die meisten Hunde sind nur nett genug, sie zu ertragen.

Schön für den Menschen, für den Hund weniger: Umarmungen wirken auf ihn eher bedrohlich. Die meisten Hunde sind nur nett genug, sie zu ertragen.

Stell dir vor, du läufst auf einem breiten Fußweg, und die Passanten rempeln dich fast an, obwohl genug Platz wäre. – Unhöflich, oder?

Ich gehe mal davon aus, dass das bei größeren Hunden seltener passiert – vor einem Rottweiler, einem Husky oder einem Schäferhund haben viele Leute sicher allein aufgrund der Größe mehr Respekt und halten einen größeren Abstand ein. An Mali wird teilweise so nah vorbei gegangen, dass mir das an ihrer Stelle schon sehr unangenehm wäre. Auf dem Fußweg versuche ich deswegen grundsätzlich, zwischen Mali und Passanten zu stehen. Im Notfall mache ich mich extra breit, um das Einhalten eines gewissen Abstandes zu gewährleisten. Zum Glück hat Mali wie viele Hunde kein sonderliches Problem mit Personen, die sie nicht weiter beachten und an ihr vorbei laufen. Wer sie beim Vorbeilaufen aber anstarrt, macht ihr durchaus auch mal Angst.

Stell dir vor, du wartest in der Bushaltestelle, als ein Fremder ankommt und dich gezielt gegen die Wand drängelt. – Echt angsteinflößend, oder?

Ob nun anderer Mensch oder Hund – wenn es eng wird und die Möglichkeiten zum Ausweichen fehlen, dann ist es den meisten Hunden noch wichtiger, dass ihre Individualdistanz eingehalten wird.

Die oben beschriebene Situation gab es erst kürzlich auf dem Weg nach Dänemark auf der Fähre. Der „Fremde“ war ein kräftiger Schnauzer, der an ausgefahrener Flexileine durch die Gänge stolzierte, während Herrchen mit leerem Blick in die Luft starrte und keine Notiz davon nahm, was sein Hund machte. Er (der Hund) „sagte Mali nur Hallo“ (schob sie an die Wand, um an ihrem Hintern zu schnuppern), ich war leider nicht schnell genug, mich dazwischen zu stellen, unter anderem weil ich nicht glauben konnte, dass der Besitzer den Hund einfach machen ließ. Es wurde dann kurz etwas lauter 😉

Stell dir vor, ein großer Fremder beugt sich vor und starrt dich an, während er schnell frontal auf dich zu kommt. Dann stellt er sich dicht vor dich und fasst dir auf den Kopf. – Nette Begrüßung, oder?

Das ist nach meiner Beobachtung das typischste Missverständnis zwischen Hunden und Menschen. Für Menschen ist Blickkontakt und frontales aufeinander zu gehen höflich, für Hunde eine Drohung.

Ich freue mich eigentlich immer sehr, wenn jemand zu meinem Hund Kontakt aufnehmen will, denn nur so kann sie lernen, wie Menschen ticken. Besonders Männer müssen sich bei ihr aber viel Mühe geben, dass sie ihnen überhaupt freiwillig näher kommt. Wer es nicht eilig damit hat, Mali anzufassen, sollte den Hund einfach ignorieren – nicht ansprechen, nicht anschauen. Dann schleicht sie sich irgendwann mal von hinten an, schnüffelt heimlich in der Kniekehle und das reicht ihr dann auch meist. Diese Art der beiläufigen und selbstbestimmten Kontaktaufnahme ist für sie der angenehmste Weg zu langfristigem Vertrauen. So kann sie Menschen beobachten und einschätzen lernen, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Mit einem freundlichen Wort in ihre Richtung oder einer nebenbei zum Schnuppern hingehaltenen Hand kann es dann weiter gehen.

Ich verstehe aber, dass viele einen Hund auch gerne streicheln und gezielter Kontakt aufnehmen wollen. So steigen die Chancen, dass das auch bei scheuen Hunden funktioniert:

Sich in einem Bogen dem Hund nähern, aber etwas Abstand halten. Hinhocken statt vorbeugen, den Blick abwenden (bei Mali besonders wichtig). Und dann abwarten – sie braucht ihre Zeit, doch bisher siegte eigentlich immer die Neugier 😉 Locken mit Futter sehe ich kritisch. Wenn sie dann ankommt, hat das bei ihr nämlich sehr wenig mit Vertrauen zu tun, sondern ist eine stressige Zitterpartie zwischen Gier und Angst.

Wenn man den Hund auch gerne streicheln möchte, sollte man dem Tier selbst die Entscheidung überlassen, ob es das auch will. Der Besitzer weiß das meist schon vorher, also gilt grundsätzlich: Wenn der Hund nicht ganz offensichtlich freundlichen Körperkontakt sucht, immer den Besitzer fragen, ob der Hund gestreichelt werden darf! Erlaubt der Besitzer das, dann nicht zum Hund rüber gehen und antatschen, sondern über das Hinhocken (klein machen) klar stellen, dass man nichts böses möchte und den Hund selbst ankommen lassen. Mali macht das meist nur, wenn man auch den Blick abwendet. Streicheln oder Kraulen hinter den Ohren, am Kinn, seitlich am Hals oder am Schwanzansatz mögen viele Hunde. Patschen auf den Kopf oder ein Schulterklopfen wird wenn überhaupt nur ertragen – schön findet das kaum ein Hund.

Hand von oben ist Mali nicht so angenehm.

Hand von oben ist Mali nicht so angenehm.

Literaturempfehlung

Was ich hier geschrieben habe, war nur ein kurzer Abriss aus meiner ganz persönlichen Sicht. Ein spannendes Buch zum Thema ist:
„Das andere Ende der Leine: Was unseren Umgang mit Hunden bestimmt“ von Patricia B. McConnell. Neben vielen persönlichen Geschichten wird darin vor allem auch erzählt, wie die Missverständnisse in der Kommunikation von Primaten/Menschen und Hunden ganz unbeabsichtigt entstehen. Wie unterschiedlich Blickkontakt, Umarmungen, Sprechweise und andere (körper-)sprachliche Signale gemeint und verstanden werden wird hier auf wissenschaftlicher Grundlage schön beschrieben. Sehr lesenswert!

 

2 Responses

  1. Sabrina sagt:

    Ein interessanter Artikel 🙂 so hab ich das noch nie betrachtet. ( hab aber kaum was mit Hunden zu tun, und meistens gehen sie auf mich zu anstatt ich auf sie)

    • Möhrchen sagt:

      Schön, dass du rein geschaut hast :)) Die meisten Hunde haben das Glück, gut sozialisiert und souverän genug zu sein, dass sie Menschen verstehen und ein paar Ausrutscher nicht übel nehmen 🙂 Aber das Leben mit einem Hund, der Menschen eben nicht einschätzen kann, öffnet einem schon ziemlich die Augen für die möglichen Missverständnisse…

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